Go to content Go to navigation Go to search

Zimmer mit Aussicht

28. November 2019

Ein Bild ist ein Fenster ist ein Bild. In der Frührenaissance empfiehlt der Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti angehenden Malern, sie sollten ein Rechteck von beliebiger Größe auf ihre Leinwand malen und sich vorstellen „es sei ein offenes Fenster, durch das ich betrachte, was hier gemalt werden soll“. So gesehen kann man jede Darstellung, die eine räumliche Illusion erzeugt, als Blick durch ein imaginäres Fenster interpretieren.
Seit Jahrhunderten spielen Künstler mit dieser Verschränkung von Fenster und Bild sowie mit der Verwandtschaft von Fenster- und Bilderrahmen. Auch der Düsseldorfer Maler Tobias Stutz, der nun zum zweiten Mal in der Galerie Kunst2 in Neuenheim vertreten ist, greift diese Thematik in seiner Einzelausstellung „Richtlinien“ auf.
Stutz entwirft auf der Leinwand hohe, schnörkellose Räume, die mit klaren Flächen und streng geometrischer Gestaltung ein eindeutiges Bekenntnis zur Moderne abgeben. Die Architektur ist meist fiktiv und auch dort, wo sich der Künstler auf berühmte Bauwerke aus der Ära von Gropius und Le Corbusier bezieht, geht er recht frei mit diesen um. Insgesamt folgt nicht alles statischen Maßstäben, einige Wandelemente ragen ins Leere, Decken schweben und doch setzt sich alles zu einem stimmigen Gesamteindruck zusammen. Besonders interessant sind die Ausblicke, die in der Darstellung meist durch riesige, bodentiefe Fenster erfolgen und oft in einem so starken Kontrast zum Interieur stehen, dass sie tatsächlich als Bild im Bild auftreten. Und dies wird zum Teil durch Referenzen auf einschlägige Stile noch verstärkt. So wirkt zum Beispiel der Blick auf den „Watzmann“ in der gleichnamigen Arbeit in einem minimalistischen Innenraum so altmeisterlich, dass man nicht weiß, ob es sich hier um eine Aussicht oder eine Ansicht handelt.
Ausgesprochen raffiniert integriert Stutz bildnerische Zitate auch ins „Colorado House“: Durch eine ultramoderne Front aus konstruktivistisch angeordneten Fenstern gibt er einen grandiosen Blick auf die Rocky Mountains frei. Stutz taucht den davor liegenden Fußboden in blaues Licht, fügt wenige dezente, rote Balken ins Glas und lässt dahinter gelbes Herbstlaub aufscheinen. Hier wird also nicht so sehr die Landschaft, sondern die Hommage an die „De Stijl“-Bewegung, an Mondrian und van Doesburg als zusätzliche Bedeutungsebene mit eingeflochten.
Auch Mies van der Rohes berühmter Pavillon in Barcelona kommt bei Stutz oft zum Einsatz. Er lässt ihn zum Beispiel unmissverständlich als riesiges Tableau in einem Innenraum landen, lässt ihn – durch das Spiel mit Lichtreflexen – dann aber gleichzeitig wie einen Ausblick erscheinen und verleiht der Korrelation von Fenster und Bild damit eine surreale Dimension.

Rhein-Neckar-Zeitung, Feuilleton, 28. November 2019

Kontakt & Feedback