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Es rauscht, goldene Blitze zucken waagerecht hin und her und dazwischen bauschen sich Wellen hundertfach gebrochenen, glitzernden Lichts. Wie verzaubert steht man vor der raumfüllenden, über 12 Meter breiten Installation „Solar Wind“ der Heidelberger Künstlerin Christiane Grimm. Mit poetischer Energie generiert die kinetische Arbeit eine Vielzahl von Assoziationen, die sich von den Elementen Feuer, Wasser, Luft bis hin zu – schon im Titel angedeuteten – kosmischen Erscheinungsformen auffächern.
Im September zeigte Christiane Grimm das aus gerippten Plexiglasscheiben und dahinter befindlichen, von Ventilatoren aufgewirbelten, goldenen Rettungsdecken bestehende Werk schon in Taiwan. Nun ist die renommierte Künstlerin damit in der Gruppenausstellung „Form + Farbe“ in der Galerie Linde Hollinger in Ladenburg vertreten.
Wie vielseitig, ja universell die sogenannte Konkrete Kunst sein kann, zeigt Linde Hollinger mit dieser Schau einmal mehr. Schon während ihres eigenen Studiums an der Kunstakademie in Stuttgart favorisierte sie den streng geometrischen, ungegenständlichen Stil und lernte Vertreter der Ulmer Schule kennen, die auf den Gestaltungsprinzipien des Bauhauses aufbauten. Als Galeristin konzentriert sie sich seit fast 30 Jahren auf bedeutende, zeitgenössische Positionen dieser bis heute bestehenden Richtung, in der Form und Farbe als grundlegende Parameter immer wieder in ein interessantes Spannungsverhältnis treten.
Letzteres tun sie auch in Annette Sauermanns erstaunlich leicht wirkenden Betonskulpturen, die jetzt in Ladenburg zu sehen sind. Die Künstlerin spielt bewusst mit unterschiedlichen Varianten der Beleuchtung und hinterfängt einige ihrer geometrisch konzipierten Objekte mit farbigem Licht. Aus der Reflexion an der Wand ergibt sich ein Strahlenkranz, der den Beton in die jeweilige Komplementärfarbe taucht und optisch vollkommen schwerelos macht. An anderer Stelle bringt Sauermann natürliches Licht zum Einsatz, das sich an kontrastreich und meist weiß gestalteten Oberflächen und Zwischenräumen der Arbeiten bricht.
Die Malerin Anne Böhnke beschäftigt sich ihrerseits mit der werkimmanenten Leuchtkraft und Tonalität von Pigmenten. Gemälde und Kreidearbeiten kreiert sie aus vielen, hauchdünn überlagerten Schichten und erreicht dadurch sehr feine Abstufungen in einem auf die reine Wirkung der Farbe ausgelegten Bildkosmos. In einige Werke bezieht sie den Ausstellungskontext ebenfalls mit ein, indem sie kräftig nuancierte Ränder oder Rückseiten in den Saal oder gegen die Wand scheinen lässt.
Auch der Bildhauer Gert Riel erweitert den Dialog zwischen Farbe und Form um die jeweilige Beziehung der Arbeit zum Raum. Im Gespräch betont er, wie wichtig ihm bei der Fertigung seiner Metall-Skulpturen das Experiment ist. Das zeitigt schon in der Kombination von geknicktem Stahl und Neonfarben neue Ergebnisse und greift zudem bei der für die Gesamterscheinung so wesentlichen Positionierung des Werks. Dies gilt auch für die große, 3 mm dicke Platte aus Schwarzblech, die Riel mit einem breiten blauen Gurt zu einem filigran gerundeten Stahlkörper aufspannt und diagonal im Kabinett der Galerie platziert.
Sie harmoniert dort mit den konkaven, monochrom eloxierten Aluminiumtafeln von Heiner Thiel, die mal rund, mal eckig ausgeprägt sind und mit ihren intensiven Farbwerten eine meditative Ausstrahlung besitzen. Die Reduktion auf den puren Ausdruck von Form und Farbe macht die Exponate der Ausstellung bemerkenswert sinnlich.

Rhein-Neckar-Zeitung, Feuilleton, 14. November 2019

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