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Eigentlich zeigt das Grafikmuseum in Bad Steben – wie der Name schon sagt – Zeichnungen und Druckgrafik. Die Institution wird 1994 von Stefanie und Wolfgang Schreiner gegründet, die ihre jeweils eigene grafische Sammlung aus der DDR und Osteuropa zusammenlegen und in eine Stiftung überführen. Und das tun sie als deutsch-deutsches Paar sinnigerweise in Bad Steben, einem oberfränkischen Kurort, der sich – an der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland – in unmittelbarer Nähe zu Thüringen befindet.
Aus Thüringen sind auch Jost Heyder (*1954) und Hans-Peter Mader (*1951), denen das Grafikmuseum unter dem Titel Die Figur im Doppelblick nun eine umfangreiche Ausnahme-Ausstellung widmet. Denn diesmal rücken Malerei und Skulptur in den Vordergrund, während die Zeichnung eine Nebenrolle spielt.
In der Schau interagieren die Portraits und bühnenhaften Kompositionen von Jost Heyder mit den schrundigen Keramiken von Hans-Peter Mader auf mehreren Ebenen: Einerseits steht bei beiden Künstlern der Mensch im Zentrum der Darstellung und ist allgegenwärtig, andererseits vollzieht sich die Umsetzung des jeweils individuellen, figurativen Konzepts auf ganz unterschiedliche Weise.
Heyder, der unter anderem bei Bernhard Heisig und Arno Rink in Leipzig studiert, ist für die Portraits berühmter Zeitgenossen bekannt, denen er sich expressiv auf der Leinwand nähert und damit nicht nur die Physiognomie, sondern auch den Charakter des Gegenübers zum Ausdruck bringt. In Bad Steben zeigt der Künstler allerdings privatere Bildnisse sowie Selbstportraits, die ihn im Atelier zeigen.
Wie Hans-Peter Mader entscheidet sich der heute in Erfurt ansässige Maler ganz bewusst in der DDR zu bleiben und sich nicht, wie viele Kollegen, in den 1980er Jahren um eine Ausreise in den Westen zu bemühen. Sein Arbeitsreich bleibt für Heyder auch nach der Wende wichtigster Rückzugsort und Resonanzraum für die Entwicklung seiner bildnerischen Ideen. Auf seinen mehrfigurigen Gemälden weitet er sein Atelier zu einer Art Welttheater aus, das er in teils klaustrophobisch anmutender Akkumulation mit maskierten Gestalten und puppenähnlichen Wesen bevölkert.
Hans-Peter Mader ordnet seine Figuren dagegen paarweise an. Der Bildhauer schließt zunächst ein Architekturstudium in Weimar ab, entscheidet sich jedoch nach einer Zusatzausbildung im Bereich Plastik und Keramik an der Kunsthochschule Berlin Weißensee für die Bildende Kunst. Seine archaisch wirkenden männlichen und weiblichen Stelen formt er aus Tonzylindern. Mit ihren überlängten, entpersonalisierten Körpern und oft zerklüfteten, durch spezifische Brandtechniken hervorgerufenen Oberflächen, wirken sie wie ein existentieller, ursprünglicher Begriff menschlichen Daseins. Dabei ist es egal, ob sie in Überlebensgröße oder im Kleinformat, als Keramik oder Bronze vors Publikum treten.
Das Spannungsfeld zwischen den Arbeiten von Heyder und Mader ermöglicht tatsächlich einen doppelten Blick auf die eigene Spezies.

kunst:art 70, November-Dezember 2019

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