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Wie wir leben

23. October 2019

Landhaus oder Bauhaus, Retro- oder Ethno-Style? In Prospekten, Katalogen und Magazinen wird man praktisch täglich mit Fotografien idealtypischer Einrichtungen konfrontiert und zum sofortigen Besuch einschlägiger Möbel- und Trendhäuser animiert.
Schon im 19. Jahrhundert wirkte das gerade erfundene Medium Fotografie durch die Ablichtung und Verbreitung repräsentativer Interieurs auf den Bereich bürgerlicher Innengestaltung stilbildend und bewegte sich zwischen Dokumentation und Inszenierung.
Um die komplexe Beziehung zwischen der Fotografie und dem Lebensbereich des Wohnens, um die visuelle Erfassung verschiedener Bautypen und Wohnformen geht es auch in dem interdisziplinären, zwischen 2015 und 2018 angesetzten Forschungsprojekt „Bilder des Wohnens. Architektur im Bild“ an der Fachhochschule Bielefeld – mit ästhetischen, philosophischen und sozialgeschichtlichen Fragestellungen.
Vier renommierte Künstler, die alle im Fachbereich Gestaltung in Bielefeld lehren, wurden nun von Stefanie Kleinsorge eingeladen, um – zusammen mit zwei namhaften Fotografen aus der Region – ihre Positionen, ihre „Bilder des Wohnens“ unter eben diesem Titel im Port25 – Raum für Gegenwartskunst in Mannheim zu präsentieren.
Den Auftakt bilden Roman Bezjaks aktuelle Aufnahmen aus Taschkent. Der Hamburger Fotograf, der als Chronist ehemaliger Sowjetarchitektur bekannt ist, zeigt die usbekische Hauptstadt in abstrakt-schönen Detailaufnahmen von Fassaden sowie in eher nüchtern wirkenden Ansichten von Hochhaus-Siedlungen. Die Metropole, die nach einem schweren Erdbeben 1966 in einer bemerkenswerten Mixtur aus sozialistischer Moderne und lokaler Ornamentik neu errichtet wurde, spiegelt sich in seinen Bildern in einer interessanten Mischung aus heutiger Realität und der einstigen, an den Häuserfronten noch aufscheinenden utopischen Vision von einer idealen Stadt.
Suse Wiegand, ihres Zeichens Objektkünstlerin und einzige Nicht-Fotografin in der Ausstellung, nähert sich dem Thema in assoziativer Auseinandersetzung mit häuslichen Dingen und blättert digitale Abbildungen von häufig gebrauchten Utensilien in einem Film und einem Buch auf. Am wichtigsten ist dabei das Sieb, mit dem sie ihre Auswahl im metaphorischen Sinn weiter selektiert. In einer daraus resultierenden Installation dominieren durchrasterte, zerschnittene Teppichunterleger, die wie Grundrisse oder Garten-Entwürfe aussehen sowie runde Spitzendecken, die formal dazu in Bezug gesetzt werden. Doch auch wenn die Dinge hier sinnigerweise architektonische Strukturen annehmen, erscheint das Ganze etwas kryptisch und nur schwer lesbar.
In sich geschlossener wirken die Serien von dem aus Herford stammenden Fotografen Axel Grünewald in dessen langjährigem Projekt „Bankett“ (was auch so viel wie „Randstreifen“ bedeutet). Darin dokumentiert Grünewald die Grenzsituation zwischen Spanien und Marokko – zum Beispiel in Seestücken, die in Richtung des jeweils anderen Landes verweisen und dabei am Horizont ein weit entferntes Schiff in den Blick nehmen. Oder in Aufnahmen von Neubauten in Marokko, die meist singulär in der Landschaft stehen und mit rot bemalten Brandmauern wie Skulpturen anmuten. Angesichts der Flüchtlingsbewegungen übers Mittelmeer ist die 2015 abgeschlossene Fotoreihe mit ihrem implizit sozialpolitischen Ansatz von Brisanz.
Ästhetisch anspruchsvoll und inhaltlich mehrschichtig sind auch die wandgroßen Aufnahmen von Emanuel Raab. Dem in Neustadt an der Weinstraße ansässige Fotografen ist es nach eigener Aussage wichtig, im dokumentarischen Moment immer etwas Grundsätzliches, Wesenhaftes festzuhalten. Mit besonderen Belichtungsmethoden löst er so das fragile Dach einer afrikanischen Hütte aus seinem Kontext oder lässt eine moderne Hochhausfassade wie ein virtuelles Meer aus Mustern erscheinen. Ganz nebenbei zeichnen sich auch dabei konträre Daseins- und Wohnverhältnisse ab. Indem die einzelnen Abzüge jeweils die Seite einer freistehenden Ausstellungswand füllen, werden sie außerdem zu architektonischen Versatzstücken und spielen so mit dem Verhältnis von Bild und Raum.
Um die Atmosphäre und Stimmungen, die sich mit bestimmten Orten und Interieurs verbinden, geht es schließlich in den Beiträgen von Marco Vedana aus Ludwigshafen und Eyal Pinkas aus Heidelberg. Als Kind italienischer Einwanderer nimmt Marco Vedana durch den häufigen Besuch in der Heimat seiner Eltern schon früh den Unterschied zweier Lebenswelten wahr – in Bezug auf Farben, Licht und Gerüche, aber auch auf die Zusammensetzung von Natur, gebautem und öffentlichem Raum. In seiner Serie „Luoghi tedeschi“ (Deutsche Orte) lichtet der Fotograf in der unmittelbaren Umgebung seines Wohnsitzes in Ludwigshafen all das ab, was er mit deutscher Wohnkultur verbindet. Gleichzeitig aber lässt er in seinen analogen, überbelichteten Aufnahmen Einfamilienhäuser mit ondulierten Vorgärten, Hochhäuser in gepflegten Grünanlagen und eigentlich triste Garagenansammlungen untypisch pastellfarben aufleuchten.
Auch bei Eyal Pinkas ist nichts alltäglich. Mit erfrischend großem Einfallsreichtum hebelt der Heidelberger Fotograf die ursprüngliche Funktionalität von Einrichtungsgegenständen aus und verleiht damit dem Aspekt des Wohnens eine stark ironische Seite. Während seiner Studienzeit in Amsterdam muss Pinkas mehrmals umziehen. Er landet immer wieder in neuen Zimmern, türmt darin Matratze und Gegenstände zu abenteuerlichen Installationen auf und setzt sich so mit der Eigenart der jeweiligen Räume auseinander. In der Arbeit „Slaapdienst“ lässt er schließlich mit dadaistischer Spielfreude die Möbel eines Speisesaals lebendig werden, aus denen er – jeweils über Nacht – bizarre, abstrakte Kompositionen formt und mit der Kamera festhält.
Gerade weil sie nicht wirklich für neue Einrichtungsideen taugen, zeigen die „Bilder des Wohnens“ in Mannheim, dass Fotografie nicht nur gängige Konzepte verbreiten, sondern auch ungewöhnliche Schlaglichter auf die Gestalt des Wohnens werfen kann.

Rhein-Neckar-Zeitung, Feuilleton, 23. Oktober 2019

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