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In perfekter Balance, schwerelos und elegant fliegt ein Mädchen im roten Kleid durch die Luft. Weit hinter ihr eine Landschaft und der Ansatz des Meeres, in das sie eigentlich gleich eintauchen wird. Doch die Figur ist gemalt und verharrt dadurch in ihrer anmutigen Flugbahn – auf der Leinwand – in einem Schwebezustand.
„Und sie landet nie“ betitelt dann auch die renommierte Malerin Heike Müller ihre neue Serie von Bildern mit unterschiedlich reich bekleideten Frauen, die offensichtlich dabei sind, ins Wasser zu springen. In einer dynamischen Wellenbewegung reihen sich diese in der Galerie Kunst2 auf großen Querformaten aneinander und versinnbildlichen dort in der neusten Einzelausstellung der Schweizer Künstlerin das Motto „Vom Fliegen“.
Für ihre Kunst verwendet Heike Müller oft nostalgische Fotos oder eigene Aufnahmen und übersetzt die darin gezeigten Figuren und Landschaften in einer Mischung aus stilistischer Luftigkeit und formaler Dichte in beeindruckende Bildwelten. Die 1970 in Winterthur geborene Künstlerin umreißt dafür gern Szenen am Meer oder an Seen und zeigt Menschen beim Baden, in Booten oder am Strand. In flirrender Manier fängt sie zum Beispiel in der kleinformatigen Serie „Albulasee“ von 2019 nur die im Wasser sichtbare Reflexion einiger Personen ein. Mit fast schon impressionistischer Suggestionskraft fixiert die Malerin hier ganz spezifische Momente und Stimmungen, die auf der Leinwand dann aber einzigartig zeitlos wirken.
Seit etwa einem Jahr arbeitet Heike Müller, die bereits mit mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen in der Galerie Kunst2 vertreten war, zusätzlich mit realen männlichen Modellen, die sie in langen Sitzungen portraitiert. Es sind Menschen aus dem weiteren Freundeskreis oder Unbekannte, Kollegen, Professoren und andere, die sie liegend oder sitzend und oft in Nahsicht abbildet. Besonders interessant ist daran der weibliche Blick auf den – in diesem Fall meist mit einem weißen Hemd und Hose bekleideten – männlichen Körper als Umkehrung der klassischen Version von Maler und Modell. Die Künstlerin verhandelt die Gegenwart des Gegenübers virtuos und schonungslos direkt und bringt dessen Physiognomie und Haltung – auch durch die differenzierte Behandlung des Inkarnats und die gekonnte Setzung von Licht und Schatten – wirklichkeitsnah und doch ganz frei zum Ausdruck.
Es sind Werke, die eine spannungsvolle Interaktion zwischen dem Dargestellten und den dazu verwendeten Mitteln kennzeichnet. Auch das Mädchen im roten Kleid könnte lebendiger nicht sein, und doch besteht sie eigentlich aus präzise und schnell aufgebrachten Pinselstrichen. Die Malerei, mit der die Figur in ihrem gewagt flach angelegten Kopfsprung festgehalten wurde, ist überall sichtbar. Der Bewegungsablauf bleibt rein imaginativ, als Materialisierung aus Farbe wird die junge Frau tatsächlich für immer fliegen.

Rhein-Neckar-Zeitung, Feuilleton, 09. Oktober 2019

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