Go to content Go to navigation Go to search

„show room“ – so heißt die neueste Ausstellung von Tamara Giesberts in der Neuenheimer Galerie Kunst2. Der Titel ist klug gewählt, denn die holländische Malerin hat sich auf die Darstellung von Innenräumen spezialisiert. Und diese säumen nun die Wände der von Stefanie Boos geleiteten Galerie, die ja selbst so etwas wie ein „show room“ ist.
Die gemalten Interieurs haben ganz unterschiedliche Funktionen. Es sind sowohl privat genutzte als auch öffentlich zugängliche Räume: Wohnzimmer, Esszimmer, Hochzeitszimmer oder Hotelfoyers. Und dann sind sie noch viel mehr.
Auf den ersten Blick lassen sie sich mühelos einordnen, Architektur und Einrichtung scheinbar leicht erkennen. Auch ihre Titel geben unmissverständlich Auskunft. Doch bei näherer Betrachtung entziehen sich diese Innenansichten jeder Eindeutigkeit. Die Realität ist passé, alles scheint nach einer eigenen, bildimmanenten Regie zu funktionieren.
In dem Gemälde „Lobby“ von 2018 entwirft die gelernte Architektin, die zum dritten Mal in der Galerie Kunst2 mit einer Einzelausstellung vertreten ist, eine Raumsituation, in der perspektivische Gesetze oder die naturalistische Streuung des Lichts außer Kraft treten.
Tamara Giesberts überzieht eine etwas in die Jahre gekommene Eingangshalle mit holzvertäfelter Wand und Louis-Seize-Sesseln mit einem roséfarbenen Schimmer. Die Beleuchtung entspringt zwar mehreren Quellen, doch die Schatten treiben ein eigenwilliges Spiel. Gleichzeitig scheint von den Möbeln selbst ein innerer Glanz auszugehen, von den Fauteuils, den Blumen, dem Tisch. Auch in der Maserung des eleganten, türkisfarbenen Marmorfußbodens mit seiner verblüffend „echten“ Haptik findet sich ein Leuchten, das über die pure Reflektion hinausweist. Überhaupt regiert die Individualität: der Tisch ragt seltsam offen in die Raumtiefe hinein und scheint dort ohne Füße auszukommen und die merkwürdig unterschiedlichen Sessel schweben mehr als dass sie stehen. Selbst die mit Spiegeln versehene Wand folgt mit ihren Fluchtlinien eher kapriziösen Regeln. Doch durch ein raffiniertes, formal und farblich geschaffenes Gleichgewicht, das in ihren aktuellen Bildern noch subtiler ausfällt als in den älteren Arbeiten, fügt Tamara Giesberts alles wieder zusammen.
Mit ihren Räumen verweist die Künstlerin immer auch auf das, was malerisch auf der Leinwand passiert. Sie führt förmlich vor, wie sich die Lebendigkeit in ihren menschenleeren Acryl-Bildern aus schnell skizzierten Partien, mutigen Auslassungen und ausdifferenzierten Details zusammensetzt. Und in diesem ganz anderen Sinn könnte man Giesberts Arbeiten ebenfalls als „show rooms“ bezeichnen, als Interieurs, in denen sich der Prozess ihrer Entstehung offenbart.

Rhein-Neckar-Zeitung, 13. Februar 2019, Feuilleton

Kontakt & Feedback