Go to content Go to navigation Go to search

Der Künstler und Kurator Samuel Fleiner ist ein Visionär. Lange bevor das Ausmaß von Klimawandel und Plastikschwemme ins öffentliche Bewusstsein drang, realisierte er Aktionen und Projekte zum Thema Nachhaltigkeit. Mit den von der Unesco geförderten Wander-Ausstellungen „Re-Art-One“ und „Arte Sustenibile“ begann Fleiner vor 15 Jahren, mittels Kunst und Design über einen innovativen und umsichtigen Umgang mit der Erde zu informieren. In Nairobi, San Francisco, Bonn, Berlin, Heidelberg und Ihlienworth bei Cuxhaven machte er deutlich, wie weit der 1992 von der UNO als Leitbild definierte Begriff der Nachhaltigkeit gefasst ist. Denn dieser beinhaltet nicht nur, dass wir unseren Nachkommen einen sauberen Planeten hinterlassen, sondern dass Generationengerechtigkeit auch in sozialer und ökonomischer Hinsicht greift.
Mit der Eröffnung des „Museum für nachhaltige Kunst und Design“ in Wiesenbach hat der Allrounder jetzt eine dauerhafte Plattform für Wechselausstellungen geschaffen, die mögliche Alternativen zu unserem heutigen, wenig ressourcenschonenden Lebensstil aufzeigen.
Verortet ist das Ganze in der großen Scheune des ehemaligen Antoniushofes in Wiesenbach, der unter der Leitung des Künstler-Kurators und der Beteiligung vieler ehrenamtlicher Kräfte von dem Verein „kunst.gesundheit.bildung e.V.“ aufwendig und „nachhaltig“ renoviert wurde. Und der zusätzlich ein Tagungshaus, ein Gästehaus für ausländische Arbeitnehmer und Akademiker, einen Skulpturengarten sowie zukünftig auch einen Laden für regionale Produkte umfasst.
Mit unverputzten Sandsteinwänden, einem offenen Dachstuhl und großen, von Friedo Stucke entworfenen Stellwänden aus Holzfaser-Dämmplatten bietet das neue Museum kein White-Cube-Ambiente, sondern einen eher rustikalen Rahmen für die Pilotausstellung, die sich unter dem Titel „Arte Sustemobile 2.0“ mit Bewegung und Mobilität beschäftigt. Darin setzen sich Malerei, Skulptur und Objektkunst sowie Videos, Plakate und Prototypen zu einem bunten Mix aus künstlerischen Positionen und Design-Entwürfen zusammen.
Gleich im Eingangsbereich steht das futuristische Brennstoffzellen-Fahrzeug Hysun 3000, das 2004 mit 3,3 kg Wasserstoff von Berlin nach Barcelona fuhr und dessen Verbrauch damit einem Äquivalent von 0,4 Litern Benzin pro 100 km entspricht. Daneben finden sich Informationen zu dem Solarluftschiff LOTTE, das an der Universität Stuttgart in den 1990er Jahren entwickelt wurde und für den Frachtverkehr ideal geeignet wäre, weil es ohne Landebahn auskommt. Zwei von vielen Beispielen mit hohem Klimaschutz-Potential – wie Fleiner findet.
Aber auch per Muskelkraft betriebene Gefährte spielen bei „Arte Sustemobile“ eine Rolle, denn der Multifunktionalität von Fahrrad und Dreirad sind – zum Beispiel als Rikscha, Handbike oder Rowbike – keine Grenzen gesetzt. Besonders eindrucksvoll: Das „High Horse“ der amerikanischen Kinetik-Künstlerin Billie Grace Lynn, ein elegantes Pferd aus Metallschrott mit Pedalen, das im Gegensatz zu seinen lebendigen Artgenossen kein Futtermittel verbraucht. Auch als überlebenswichtiges, oft sehr kreativ genutztes Lastenfahrzeug tritt das Fahrrad – zum Beispiel in einem Gemälde des Kenianers Patrick Mukabi in Erscheinung.
Insgesamt sind viele afrikanische Künstler vertreten, da der Aspekt nachhaltiger Mobilität auch Entwicklungsgedanken mit einschließt. Allerdings scheint im Falle des Südafrikaners Vincent Osemwegie nur dessen gestische Malweise „Bewegung“ zu enthalten. Das Motto ist hier also eher stilistisch als inhaltlich fassbar.
Außerdem fragt Fleiner mit dem Untertitel seiner Schau „was bewegt uns in Zukunft?“ nach dem, was die Menschen emotional umtreibt. Und in diesen Rahmen passt dann eigentlich jede Facette der Nachhaltigkeit. Wie das Thema Armut, das der Deutsch-Afrikaner Adom Tetteh in Form demutsvoll gefalteter Hände aus Lumpen aufgreift, oder das der sozialen Ausgrenzung, das der Mannheimer Künstler Michael Kleinböhl in seiner Malerei vermittelt: wichtige Gesichtspunkte, die den gewohnt breiten Ansatz von „Re-Art-One“ spiegeln, die hier nur etwas deplatziert wirken.
Doch auch wenn eine klare Eingrenzung auf das Feld der Mobilität der Pilotausstellung, die aus den „Fonds Nachhaltigkeitskultur der Bundesregierung“ gefördert wurde, gut getan hätte: Durch das neue Museum wird unsere Region mit einer Institution bereichert, die – höchst aktuell – neue Perspektiven und Wege aus einer globalen, gesellschaftspolitischen Sackgasse aufzeigt.

Arte Sustemobile 2.0 – was bewegt die Zukunft? Museum für nachhaltige Kunst und Design, Antoniushof, Hauptstraße 77, 69257 Wiesenbach, Tel: 0179-7049445. www.arte-sustenibile.org. Di-So 10-17 Uhr, Führungen nach Vereinbahrung

Rhein-Neckar-Zeitung, 2./3. Februar 2019, Feuilleton

Kontakt & Feedback