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Erhellende Begegnung

30. November 2018

Kafkaeske Verästelungen überall: Beim „Durchfliegen“ eines Webervogelnestes wirken dessen Gräser und Zweige wie ein wild gewordener Urwald. Es ist eine abenteuerliche Reise, die einen am Ende der neuen Schau im Heidelberger Kunstverein erwartet und eine, die einiges vorher Gesehene mittels 3D Animation noch einmal auf virtuelle Weise erfahrbar macht.
Denn unter dem wunderschönen Titel „Raumblüte“ versammeln sich in der von Ursula Schöndeling geleiteten Institution nicht nur Arbeiten von Kerstin Stoll und Friedrich Kiesler, sondern auch von Tieren hergestellte Behausungen, die aufgrund ihrer Kunstfertigkeit selbst wie Artefakte wirken.
Deren biomorphe Strukturen faszinierten Friedrich Kiesler (1890-1965) sein Leben lang und inspirierten ihn zu zahlreichen Entwürfen. Kiesler war einer der berühmtesten Architektur-Vordenker des 20. Jahrhunderts, der sich durch spektakuläre Projekte einen Namen machte – wie zum Beispiel die futuristisch anmutende Ausgestaltung von Peggy Guggenheims Galerie „Art of this Century“ in New York. Die meisten seiner Bauvorhaben wurden allerdings nicht realisiert, sie existieren heute nur in Form von Plänen und Modellen – wie sein legendäres „Endless House“. Dessen völlig neue, fließende Gestaltung in einem eierschalenförmigen Baukörper fand auch einen Widerhall in der Idee der „Raumblüte“, die Kiesler folgendermaßen beschrieb: „Lose Hüllen, die sich ganz oder halboffen, aufrecht, geneigt, schwebend, rundherum aneinander reihten, und sich, wie Knospenblätter zu einer einzigen großen Raumblüte zusammenschlossen. (…) Unendlichkeit wurde endlich, die Unbegrenztheit Präzision.“
Im Kunstverein lassen sich nun zum Teil noch nie gezeigte Entwürfe und Zeichnungen zu diesen Projekten studieren. Darüber hinaus hat es die Künstlerin Kerstin Stoll (geb. 1969) ermöglicht, dass auch Kieslers Konvolut „Magic Architecture“ erstmals zu sehen ist. Weil sich Stoll seit 2011 selbst intensiv mit dem Nestbau von Wespen und Vögeln auseinandersetzt, stieß sie in der Friedrich und Lillian Kiesler-Stiftung in Österreich auf dieses Typoskript, in dem der Architekt von Mensch und Natur hervorgebrachte Gehäuse miteinander vergleicht.
In der generationenübergreifenden Ausstellung tritt Kerstin Stoll immer wieder bewusst in Dialog zu Kiesler, zum Beispiel mit einem eigenhändig vor Ort errichteten Kuppelbau aus Lehmerde gleich im Eingangsbereich. Ein experimentelles Denkmodell – wie viele ihrer Arbeiten – das unter anderem für sinnvolle Rohstoff-Alternativen im Bauwesen sensibilisieren möchte.
Stolls Interesse an natürlichen Materialen äußert sich auch in ihrer aus vielen Teilen der Welt zusammengetragenen Sammlung biologischer Fundstücke, aus denen die Tongefäße der Töpferwespe besonders hervorstechen. Dazu passt, dass die in Berlin lebende Künstlerin selbst mit einer ganzen Reihe von Keramikarbeiten in Heidelberg vertreten ist. In der Halle des Kunstvereins zeigt sie zahlreiche Tonschalen aus ihrer Serie Spheres II, in denen sie jeweils mehrere Mineralien gemischt und dann im Ofen gebrannt hat. Die unterschiedlichen Farben und Muster, die auch eine ästhetische Qualität besitzen, weisen dabei zum Teil erstaunliche Analogien zu anderen Exponaten auf. So erinnert zum Beispiel eine Mixtur aus Basalt an die Textur eines Termitenbaus.
In ihrer Werkgruppe „Grotta“ nimmt Kerstin Stoll dann wieder Bezug zu natürlichen Wohnformen und setzt unterschiedliche Gesteinsmehle als aufeinander reagierende Glasuren ein.
Mit ihrem fast schon alchimistischen Ansatz, bei dem organische Gefüge und Prozesse eine wesentliche Rolle spielen, gelingt es der Künstlerin, die Gesetzmäßigkeiten der Natur in ihrer Vielfalt, aber auch in ihrer zum Teil verblüffenden Wiederholung vor Augen zu führen. Und damit ist sie Kiesler tatsächlich sehr nah.
Zeitgleich werden im Kunstverein auch die Ausstellung „Sharing as Caring 6“ im Studio eröffnet und die Jahresgaben im Lichthof präsentiert.

Raumblüte. Kerstin Stoll im Dialog mit Friedrich Kiesler. Bis 17.02.2019. Heidelberger Kunstverein, Hauptstraße 97, 69117 Heidelberg. www.hdkv.de. Di-Do 12-19 Uhr, Do 15-22 Uhr, Sa-So 11-19 Uhr.

Rhein-Neckar-Zeitung, 30. November 2018, Feuilleton, S. 13

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